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Liminoid
Abschlussausstellung
26. Juni — 2. Juli 2021
Ort
Neubad Luzern
Publikation
Katalog zu Liminoid
Master Projekte
2021
Webseite
www.liminoid.ch

Liminoid

Zwei Umstände und ein Thema prägten die Abschlussausstellung des Master Kunst im Jahr 2021: Bei Weitem der wichtigste Gestaltungsfaktor unter diesen war die Welle von Einschränkungen im sozialen Alltag, welche die die Pandemie uns allen abforderte, und die auch den prozesshaften Weg der studentischen Abschlussprojekte teilweise stark beeinflusst hatten. Wo bei den Projekten vergangener Jahre als Ausgangpunkt die Suche nach einem Ort stand, an dem kollaboratives Arbeiten mit den lokalen Gegebenheiten und künstlerische Begegnungen mit der Bevölkerung möglich waren, machte der Lockdown im Frühjahr vergangenen Jahres uns allen einen dicken Strich durch die Rechnung. Begegnungen in der Öffentlichkeit konnten nur sehr eingeschränkt stattfinden und die Suche nach dem passenden Ort für den Abschluss wurde notgedrungen ersetzt durch ein diskursives Format namens ON HOLD. Dieses Programm bestand aus einer Serie von Mini-Symposien auf Zoom und beschäftigte sich während des gesamten Semesters mit den situationsbedingten Befindlichkeiten und Anliegen der Künstler*innen im Master Kunst. Dabei verstanden die Studierenden diese inhaltlichen Rahmungen nicht nur als soziales Ersatzprogramm, sondern sie reagierten aktiv mit teils überraschenden künstlerischen Arbeiten auf die Restriktionen.

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Dass die Ausstellung letzlich im Netzwerk Neubad stattfand, lag daran, dass die Studierenden den Beschluss fassten, zum Abschluss nicht nur digital, sondern im physischen Raum öffentlich in Erscheinung zu treten. Denn obwohl die pandemischen Umstände die Suche nach dem «richtigen» Ort erschwerten, bekundeten viele von ihnen ein starkes Verlangen nach einem körperlichen Auftritt, nach einem realen sozialen Umfeld für ihre Kunst oder künstlerische Vermittlungsprojekte. So stellen sie an sich selbst und an uns die Frage nach der Wichtigkeit eines Ortes für das künstlerische und vermittelnde Arbeiten, und sie versuchen gleichzeitig, diesen Komplex nicht mit Antworten abzuschliessen, sondern legen ihn frei und stellen ihn zur Debatte.
Das Neubad als Ort der Ausstellung war deshalb keineswegs ein der Not entsprungener Plan. Im ehemaligen Hallenbad fand sich ein Gemenge von bunt zusammengewürfelten Interessen sozialer und kultureller Nutzungen, die in den Räumen des Kulturzentrums den Alltag teilten. Gerade solche Orte sind es, die an die Frage anknüpfen, in welchem Verhältnis zu den drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen der post-faktischen und ökokritischen Zeit sich aktuell Künstler*innen und Vermittler*innen mit ihren Denkmodellen und gestalterischen Eingriffen sehen, wie sie mit diesen arbeiten oder wie sie diese in Szene setzen.
Wichtige Basis für die Arbeiten im Master Kunst Luzern sind Auseinandersetzungen in und mit realen Settings – das Neubad ist ein von Künstler*innen betriebener Kultur- und Kunstort, er vermittelt eine andere Form von Öffentlichkeit als die Institutionen Galerie, Kunstmuseum oder Kunsthalle. Der artist run space ermöglicht andere Formen des Austauschs und erwartet kollaboratives Arbeiten und Dialog.

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Dazu kommen aktuelle Diskurse, welche die Praxiserfahrungen und Produktionsprozesse der ausstellenden Künstler*innen filtern, brechen und vorantreiben. So scheint uns ein wesentlicher Punkt zu sein, Fragen in Anlehnung an Indigenous und Postcolonial Studies nach den Folgen globaler Ungleichgewichte im Hier und Jetzt, in unserem lokalen Bezug zu stellen und zugleich emanzipatorische Denk- und utopische Handlungsweisen zu erproben. Jede Kunst ist eine angewandte und kommt gar nicht umhin, gesellschaftlich geprägt zu sein – vom Galerieraum bis zum off space wirken Machtgefüge und gesellschaftliche Ansprüche und durchdringen die Materialitäten und Medien auf einer Mikroebene. Wenn man deshalb das verändernde Potenzial von Kunst ernst nimmt, und das tun wir, dann können Vorgehensweisen wie aus den Critical Visual Studies produktiv auf Bildproduktionen angewendet werden; es werden im Sinne des neuen Materialismus1 deren Hintergründe kenntlich: Wer spricht, warum und mit welcher Absicht? Für diese Episteme des Ästhetischen ist Alltägliches immer der Ausgangspunkt künstlerischen und vermittelnden Fragens. So können Lebens- und Arbeitsverhältnisse beschrieben, analysiert und transformiert sowie einseitige Naturkonzepte und Identitätskonstruktionen hinterfragt werden.2

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Künstlerische Verfahren sind auch zentral für emanzipatorische Bildungssettings im Bereich des Art Teaching – auf die unsere Gesellschaft so dringend angewiesen ist. Die prekäre Situation von jungen Erwachsenen in der Ära Pandemie haben die Studierenden selbst erlebt und erlitten und zugleich daraus Wege zur Selbstermächtigung, zur Konzentration und Kollaboration entwickelt, wovon wir alle lernen müssen. Nach dem konstruktivistischen Bildungsbild, das zunehmend ökonomisiert worden ist, ist es Zeit für einen neuen Materialismus im Feld Kunst – Bildung – Gesellschaft.3

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Zum Titel

Die Wortprägung liminoid, die Pate stand für den Titel der Ausstellung, geht zurück auf den Kulturanthropologen Victor Turner4. Mit ihr fassten die Studierenden das, was für viele kulturell Arbeitende gegenwärtig als Thema prägend schien: Dass wir uns in unserer Gemeinschaft in einem Zustand der Veränderungen befanden, in einem Status des no longer/not yet5, und dass dies nicht nur mit der Pandemie zu tun hatte, sondern mit den gegenwärtigen sozialen, politischen und technologischen Umbrüchen insgesamt. Die thematische Fassung erlaubte es, absichtsvoll Schwellenräume und Handlungsszenarien zu suchen oder zu produzieren, die diesen Übergangszustand in künstlerischer Form kritisch offenlegten und diskursiv wirksam machten.

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Künstler*innen

Die Studierenden Amos Roger Andela Roncevic Christian Fischer Elena Schmidt Florian Wäspe Irina Biadici Ivana Lakic Katrin Schranz Klaus Fromherz Laura Müller Lene Carl Matías Fillol Neal Schaap Nico Kurzen Rashmi Sathe Scarlet Müller Sebastian Haas zu deren einzelnen Arbeiten sich autor*innenschaftliche Texte im Katalog befinden, hatten das Thema liminoid in der Gruppe entwickelt. Dies fand sich – mal mehr, mal weniger – auch in ihren individuellen Arbeiten als Fragestellung gespiegelt. Das Neubad war für diese Arbeiten ein liminoider Ort, der Fussball, Kunst und Alltagskultur in seiner Zwischennutzungsform, für begrenzte Zeit, verband.

Irina Biadici, Sabine Gebhardt Fink, Rashmi Sathe, Monica Studer / Christoph van den Berg

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1 z.B. Theoretiker*innen wie Karen Barad oder Rosi Braidotti prägen diese Debatte.
2 Bruno Latour (2004), Whose Cosmos, Which Cosmopolitics? Comments on the Peace Terms of Ulrich Beck. In: Kultur und Gerechtigkeit, 43 — 57; Donna Haraway (2015), Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin. In: Environmental Humanities, 6.
3 Ringvorlesung Kunst, Bildung, Gesellschaft. Historische Rekonstruktion eines komplexen Gefüges, konzipiert und organisiert von Alexander Henschel, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (DE), FS 2021. uol.de [https://uol.de/kunst], Zugriff 21.4.2021.
4 Der Begriff wurde geprägt vom Anthropologen Victor Turner (1920 — 1983). Vgl. ethnologie.philhist.unibas.ch, Zugriff 21.4.2021.
5 Till Förster (2003), «Victor Turners Ritualtheorie». In: Theologische Literaturzeitung 128.7 — 8, S. 703 — 716. thlz.com, Zugriff 21.4.2021.

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