Und wenn im Zusammenhang mit diesem Werk gelegentlich die Frage gestellt wird, warum dieses Werk denn zur bildenden Kunst gezählt werde, sind die Antworten darauf einfach. Zunächst mal negativ: Journalismus ist das nicht, weil Journalisten andere Interessen haben, anders fragen und andere Leute befragen, als Till Velten das tut. Spätestens im Zusammenklang derjenigen, die er befragt, wird das deutlich. Und positiv formuliert: Till Veltens Werkstoffe sind – um es mit dem Titel der Ausstellung im Helmhaus Zürich zu sagen – Elemente der Seele, die zu individuellen und überindividuellen, zu universellen Seelensystemen zusammengeführt werden. Diese psychischen Momente sind es, aus denen er seine Werke «bildet». Seine Gesprächsanalysen formen Charaktere, zeichnen Porträts, installieren Zusammenhänge zwischen Menschen, Berufsgruppen, Leidenschaften.


Dass immaterielle Momente die Grundlagen bildender Kunst sind beziehungsweise sein können, hat Marcel Duchamp mit seinen im Grunde höchst materiellen Readymades den letzten Skeptikern klargemacht. Die Konzeptkunst hat sich dann vollends aufgemacht ins Reich der psychischen Rezeption. Und Till Velten betätigt sich nun bei seinen Untersuchungen am Menschen als Bildhauer seltsamer menschlicher Psycho-Konglomerate. Eigentlich ist das eine gar nicht so eigenartige, im Gegenteil, eine durchaus folgerichtige Entwicklung.




Auszüge aus "Untersuchungen am Menschen"
von Simon Maurer
  Dubiose systeme
Dubiose Systeme 2003