Annemarie Schwarzenbachs Zugehörigkeit zur Schweizer Literaturgeschichte ist erst seit 20 Jahren bestätigt – vorher war sie eine Legende, die unter anderem durch Nikolaus Meienbergs Buch über die mächtige Zürcher Familie, der sie entstammte, aufgescheucht wurde. Schwarzenbach gehörte zur ersten Generation, die sich das Reisen nicht nur leisten konnte, sondern zur existentiellen Aufgabe machte. Mit Ausnahme des eben erschienenen frühen autobiographischen Textes „Eine Frau zu sehen“ war die Schweiz keine Kulisse für Annemarie Schwarzenbach. In einer radikalen Umkehrhaltung zu jeder Form von Heimatliteratur spielen sämtliche Erzählungen und Romane in europäischen Grosstädten, im Orient, in Asien und Afrika – Annemarie Schwarzenbach ist somit die radikalste Gegenfigur zu Johanna Spyri in der Schweizer Literatur vor dem 2. Weltkrieg. Sie konnte nur leben, indem sie reiste und sie konnte nur reisen, indem sie schrieb. „Wirklich, ich lebe nur wenn ich schreibe“, lautet ein Eintrag in ihrem Tagebuch von 1939. Dasselbe Fieber haben ihre Romanfiguren bereits in ihrem Erstling „Freunde um Bernhard“ von 1931. Sie träumen von grossen Metropolen, exotischen Abenteuern und endlosen Landschaften oder einfach vom Reisen selber als Existenzform. In den 30er Jahren wird diese romantische Sehnsucht nach der Fremde dann politisch umgedeutet durch die Erfahrungen des Exils, an welchen Annemarie Schwarzenbach als Antifaschistin und Freundin der Geschwister Mann sehr nah Anteil nahm. Dennoch blieben Flucht und Exil für sie etwas Selbstgewähltes und zentrales Motiv ihres Schreibens. „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“- was sich so leicht sagt, war für Annemarie Schwarzenbach das Schwierigste, denn es verlangt von der Reisenden, die Fremderfahrung zu einem verfügbaren kulturellen Gut umzuwandeln.


Aus "Orient statt Heidiland", Silvia Henke, im Kulturmagazin Basler Zeitung vom 23. Mai 2008.