Das Imaginäre ist Schwindel erregend. Ein Versuch im Intermedialen

Zu: Tatjana Marusic, memory of a landscape (2004)

Technoide Bilder, wie sie das Intermediale hervorbringt, können mehr als verstören. Dies zeigt eine Arbeit von Tatjana Marusic mit dem Titel„A Memory of a landscape“ (2004), die eine das Imaginäre der Bilder zurückholt in eine fast unbegreifliche Schönheit.
Die Arbeit, eine riesige 3-Kanalvideoprojektion, hat als Found Footage Kinomaterial aus Filmen, die seither hundert mal im Fernsehen liefen: Die Winnetoufilme 1-3 (1963-1966), in welchen Harald Reinl Karl Mays Landschaft des Wilden Westens nach Dalmatien brachte, in die Heimat von Tatjana Marusic. Es geht dabei um das Sehen von Bildern, die in unserem Blick und durch die Bewegung der Figuren in der Landschaft in Pixels zerfliessen. So dass man als Zuschauer meint: was ich sehe, löst sich in meinem Blick auf. Die neue Oberfläche wird zur Sehlandschaft – und diese Landschaft hat ein Gedächtnis. Anders als „A woman under the influence of“ aber ist dieses Eindringen in die Bilder nicht verstörend, sondern beglückend. Als Beweis hierfür mag die eigene Wahrnehmung gelten, die beim ersten Sehen der Arbeit zu einem zunächst unbestimmbaren Glückgefühl geführt hat, ein Schwindel erregendes Gefühl das besagt, ja, hier ist es, was ja auch heisst, ja, hier bin ich, ungestört. Das aber nicht in Bezug auf das Bild der Frau, sondern auf eine Form von Existenz, in die ich involviert bin oder in die mich diese Arbeit involviert hat. Natürlich hat sie mit visueller Arbeit und Identifikation zu tun. Aber wie?


Zunächst stellt auch der fragmentierte und in flüssige Pixel sich lösende Winnetou auf seinem Pferd die Frage der Beziehung zwischen dem Blick, dem Bild und seinem Objekt ins Zentrum. Aus der Bildstörung wird hier aber eine Bildmeditation – technisch erzeugt durch das Löschen des Kopierschutzes an den alten Videobändern, also auch eine gewaltsames Eindringen in den Film. Durch dieses Eindringen wird die Einbildung der schönen Projektionsfigur für das eigene Sehen beschädigt – sie löst sich vor unseren Augen in die Landschaft auf und wir sind mitten im Drama der Unerreichbarkeit medialer Sehnsuchts- und Erinnerungsbilder: War er nicht der beste und schönste aller Indianer, der einzig denkbare Mann? Und gleichzeitig eben, als Figur des Imaginären, unerreichbar, unvorstellbar – und viel mehr als Pierre Brice je darstellen konnte? Eben weil sein Bild nicht fixierbar ist durch einen Film, weil die Sehnsucht nach dem Anderen vergeblich bleiben muss, weil der Mann aller Männer immer schon flüchtet und zergeht im Imaginären der Bilder, sind wir allein mit unserer Sehnsucht. Damit zeigt die Arbeit von Tatjana Marusic, dass Medien beides sind: Verbindungen und auch Trennungen – die es ja braucht, damit wir nicht mit Winnetou dahinschmelzen. Das Glück dabei, seine Schönheit und sein Schwindel sind Ergebnis einer fast zärtlichen Blickführung durch die Landschaft der Pixels, mit welcher die Einbildung wieder auf unserer Seite ist, was möglicherweise die Voraussetzung ist fürs Glück. Es ist immer narzisstisch: wir sind in der Wahrnehmung bei uns, in der Autoerotik der Wahrnehmung gewissermassen, die Sehnsucht ist für einen Moment nicht vergeblich...

 

Aus: „Das Imaginäre ist Schwindel erregend. Ein Versuch im Intermedialen“, in: Simon Zumsteg et al. (Hrg.), Archipele des Imaginären, Zürich: Ed. Voldemeer 2008.