Der Künstler als Sammler – Nico Kurzen zu Gerhard Richters ATLAS

Künstler sind Sammler. Viele Künstler häufen sich im laufe ihres Lebens Materialien und Bilder an. Diese Sammlungen dienen dann als Inspirationsquelle oder Materialarchiv für künftige Projekte und Arbeiten. Normalerweise sind solche Sammlungen und Archive für den privaten Gebrauch des Künstlers bestimmt und bleiben der Öffentlichkeit vorenthalten, man lässt sich ja ungern in die Karten schauen. Im Fall von Gerhard Richters «Atlas» ist das anders.

1962 hat Richter begonnen Bildmaterial, welches er später zum Teil in seine Gemälde überführt hat, systematisch zu sammeln. Es ist eine inhaltlich sehr breit angelegte Bildersammlung, die keine klare Fokussierung auf ein Themengebiet erkennen lässt. Die Sammlung besteht zu einem grossen Teil aus Fotogra en, entweder von Richter selber aufgenommen oder herausgeschnitten aus Printmedien. Es finden sich aber auch Skizzen, Farbstudien oder Texte im «Atlas». Richter hat dieses Material in erster Linie für seine Arbeit verwendet, auf vielen Bildern finden sich Spuren einer intensiven Bearbeitung und Auseinandersetzung. Es ist aber mehr als ein reines Bildarchiv, das der Motivsuche für die Malerei dient. Auf einigen Tafeln sind Raumskizzen in denen Richter mögliche Räumlichkeiten für Ausstellungen seiner Gemälde andenkt. Einerseits sind das konkrete Projekte, welche auch ausgeführt wurden, andererseits sind es fantastische, teils gigantische Träumereien. Dadurch, dass der «Atlas» als eigenständiges Werk gelesen werden kann, und Richter Experimente zur Ausstellbarkeit seiner eigenen Bilder in den Atlas einspeist, erhält die Sammlung etwas selbstreflexives. Der Ausgestellte «Atlas» beschreibt sich aus einer Aussensicht und simuliert sich so bereits in sich selber. In dem Moment, wo Richter der Sammlung einen Titel gibt und sie einer Öffentlichkeit zugänglich mach, transformiert er die Sammlung in ein eigenständiges Werk. Er ver- wischt die Grenze zwischen privater, künstlerischer Recherche und fertigem Werk das für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Der «Atlas» war von Beginn an als dynamisches Projekt geplant, mit jeder Ausstellung sind Bilder und Tafeln hinzugekommen, andere wurden ersetzt. Bis heute (stand 2019) ist die Sammlung auf 809 Tafeln angewachsen, der letzte Beitrag ist 2015 in die Sammlung eingegangen. Das macht deutlich, dass der «Atlas» für Richter weniger ein Kunstwerk ist, das irgendwann fertig ist, sonder viel mehr ein Instrument für seine Arbeit und ein Spiegel seines Weltbildes, welches sich stetig verändert und organisch mit dem Künstler mitwächst. Der «Atlas» dokumentiert und kommentiert das künstlerische Schaffen von Gerhard Richter aus einer Innenperspektive. Es ist für den Künstler eine Möglichkeit des Sichtbar- und Materiell-machens seines Lebens und seiner Blick- und Bildwelten. Für den Betrachter dieser Sammlung generiert sich der Mehrwert erst, wenn er auch das Œuvre von Richter kennt. Es ist vielleicht weniger interessant Gemälde und Motivvorlage miteinander zu vergleichen, jedoch erweitert der «Atlas» den Bildkosmos von Richter um eine spannende Komponente. Normalerweise wird solches Kontext- und Hintergrundwissen zu einem Künstler und seiner Arbeit durch Texte vermittelt, zum Beispiel in Magazinen, Monographien, Saaltexten oder auf Websites. Im «Atlas» kommentiert Richter sein künstlerisches Leben gleich selber, in der Sprache der Erscheinungen.

Damit diese Erzählung auch gelesen und verstanden werden kann, braucht sie ein sehr strenges Ordnungssystem, das diese Flut an Bildern bändigt und zugänglich macht. Zu diesem Zweck hat Richter die Bilder in Gruppen geordnet, in einem strengen Raster auf Kartons aufgeklebt und diese in Holzrahmen gesteckt. Diese Bildgruppen hat er dann in Bildblöcken zusammengefasst. Mit jeder Ausstellung wird der «Atlas» von Richter neu arrangiert und geordnet. Das Arrangement wird jeweils minutiös geplant, jede Tafel und die Verhältnisse und Abstände müssen präzise eingehalten werden. Die formal strenge Aufbereitung durch dieses Ordnungssystem portioniert die Bilder in verarbeitbare Häppchen, ohne die Einheit der Sammlung auseinander zu reissen. (©2019 Nico Kurzen)

Bilder zum Atlas: www.gerhard-richter.com/de/art/atlas