MICHAEL MARC KAMMER

By Tancredi Gusmann on
YARTSA GUNBU – 2019

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Vom Papier zur Pulpe

Bei Experimenten mit dem Papierbrei, den ich eigentlich zum Schöpfen von neuem Papier untersuchte, entdeckte ich seine wunderbar plastische Qualität und die getrocknete Masse erinnerte stark an organische Stofflichkeit, sowie Pflanzen und/oder Pilzen. In der Zwischenphase von der Abgabe der Masterthesis, wo ich die Ambivalenz von flüchtiger Digitalität und haptischen analogen Medien mit der Arbeit „Hoffnung schöpfen in einer digitalen Welt“ beleuchtete, entstanden zudem neue Zusammenhänge, die mich in die erbarmungslose Welt der Insekten führten. Genauer gesagt in die Welt der parasitären Pilze, die Insekten als Wirte benutzen, um ihre eigene Immobilität durch sie zu überbrücken. Da ich mich in meiner Arbeit mit der Transformation, des Areals, meines Raumes und meiner eigenen künstlerischen Sprache auseinandersetze, war es naheliegend an das Sinnbild der Metamorphose, dem Schmetterling zu denken, oder der Raupe, die das Versprechen für einen wunderschönen Schmetterling in sich trägt. Es gibt diese Erwartungshaltung, dass wenn man A säht, auch B ernten wird – doch nicht bei dieser Raupe. Diese arme Kreatur trägt nämlich den OPHIOCORDYCEPS SINENSIS (den Raupenkeulenpilz) in sich, der die Raupe knapp unter die Erdoberfläche zwingt und danach wächst der Fruchtkörper des Pilzes aus dem Kopfende der Raupe, die ihren Dienst als Transportmittel und jetzt auch als Nährstofflieferant erfüllt hat. Interessanterweise ist genau dieser Pilz, der Raupenkeulenpilz, einer der teuersten Heilpilze auf der Welt.

Partizipation

Der Begriff „Partizipation“ bietet Anknüpfungspunkte in unterschiedlichsten Richtungen. Es werden übergeordnete Strukturen definiert, in denen die Teilhabende Gruppe in den Entscheidungsprozessen oder Handlungsabläufen miteinbezogen wird. Es geht darum, dass die sichtbare Form nicht länger ein autonomes, geschlossenes Werk darstellt, sondern als offene Struktur zu begreifen ist. Roland Barthes geht in seinem berühmten Aufsatz von 1971 „De l’oeuvre au text“ sogar soweit, als dass diese neue Struktur als „Text“ zu verstehen ist. Die Kluften zwischen Produzent_in und Betrachter_in verringert sich und auch zwischen Kunst und Leben ergeben sich neue Schnittmengen, welche das Publikum direkt anzusprechen vermag. Bei meiner Arbeit geht es um Auflösung und Kreation, Transformation und die lustvolle Auseinandersetzung mit dem Material.

Methodik

Grosse Flächen können einschüchternd wirken und manche Teilnehmer können diese als sehr hemmend empfinden. Dies wurde mir zuletzt bei meinem „Kunst am Bau Projekt“ bewusst, als ich für die Belebung des Quartiers Feldbreite (in Emmenbrücke Luzern), tafelähnliche Flächen auf einen Beton-Pavillon malen liess und zur Einweihung einen Workshop veranstaltete, der eine Auswahl (einen Bruchteil) der versatilen Benutzung der dunkeln Tafelflächen aufzeigen sollte. Dort wählte ich das flüchtige Medium der Kreide genau aus dem Grund, dass keine definitiven Entscheidungen getroffen werden müssen und so ein lustvolles, individuelles Gestalten und damit ein spielerischer Umgang gepflegt werden kann. Es kann immer wieder erweitert, verändert oder gelöscht werden. Wir sind es gewohnt, dass wir nicht auf fremde Wände schreiben, zeichnen oder malen dürfen, weshalb ich vor dem Partizipationstag auch erste kleine Eingriffe mit dem Material vorgenommen habe. Ich setzte an den Wänden, auf dem Boden, sowie am Fenster kleine amorphe Gebilde, die als Aufbruch der Oberflächen, proof of concept und Startpunkt für unentschlossene fungieren sollte. Dadurch könnte eine potenzielle Hemmschwelle überwunden werden. Ein ähnliches Prinzip beobachtet man bei Graffiti an öffentlichen Orten. Sobald Jemand angefangen hat die Wand zu besprühen und sei dies auch nur ein „Tag“ (engl. Etikett – Name, Pseudonym, Unterschrift), so ist diese Wand für alle anderen Sprayer (in)offiziell freigegeben. Für die Partizipationstage zerkleinerte ich in Handarbeit das Altpapier des Papierfabriklagers zu Schnipsel. Ich hatte das Glück noch ausrangierte Papierrollen aus dem, bis am 18. April geräumten Lagers zu erhalten. Diese Papierschnipsel wurden mit einem Mixer und Wasser zu einem Papierbrei verarbeitet, dem ich danach mechanisch, indem ich die Pulpe in einem Geschirrtuch ausrang, das Wasser entzog. Als Basis-Material verwende ich Zellulose aus Zeitungspapier, dass ich mit dem Papier der Papierfabrik impfe und mit Hilfe von Mehlkleister zu einer modellierbaren Masse (Pappmaché) knetete. Da dieses Material nicht allen komplett neu ist und durch seine einfache Handhabung schnelle, für den Partizipierenden befriedigende Resultate bringt, ist dieses Material sehr gut für diese Art von Wirken geeignet.

(Er-)Schaffen

Ich legte den Fokus auf die gemeinsame „Übernahme“ der entkernten Werkstatt mithilfe von Papier. Ich erwähnte Begriffe wie „wachsen“ „(über)wuchern“, „(ein)pflanzen“ und „Lebensraum“ um den Prozess in Schwung zu bringen. Dafür bereite ich den Papierbrei zu und erklärte den Partizipierenden die Zutaten und die Mischverhältnisse. Danach machte ich die Teilnehmer mit dem Material bekannt und liess sie seine haptischen und plastischen Qualitäten mit ihren eigenen Händen erfahren. Diese noch handwarme Zellulose-Mehl-Masse, die nicht nur nach Teig roch, sondern auch dessen Klebkraft und Konsistenz aufwies, weckte bei den Teilnehmern positive Assoziationen, wie die Zubereitung von Backwaren. Die noch dunkle, graue Masse setzte sich wie Linien von den hellgrauen Werkstattwänden ab. Ebenso behandelten manche Teilnehmer die Wände sehr grafisch, indem sie Wörter „schrieben“ oder Formen und Linien „zeichneten“. Sie behandelten die Flächen und das Material wie Stift und Papier, adaptierten aber das neue Medium kaum. Dies irritierte mich zuerst. Da sich der Papierbrei wunderbar zum plastischen Arbeiten eignet, habe ich von mir, auf die Teilnehmer geschlossen und habe nicht wirklich mit dieser Herangehensweise gerechnet. Einige der Arbeiten sind über die Wand hinausgewachsen und schlängelten sich regelrecht in den Raum hinein. Dort wurde es interessant! Genau an diesen Schnittpunkten, zwischen horizontaler Fläche (Wand) und waagerechter Fläche (Boden) transformieren sich die eher flächigen, reliefartigen Papier-„Zeichnungen“ in skulpturale Gebilde. Das Material wurde von den Teilnehmer_innen dann auch selber zubereitet, geknetet und untereinander aufgeteilt. Es war ein voller Erfolg! Die Teilnehmer waren inspiriert und total motiviert diesen Ort für sich zu nutzen. Sie waren bereit die Möglichkeit zu nutzen und ein letztes Mal diesen Raum für sich zu übernehmen.

Videodokumentation