Spaces for Encounters. Meetings, Happenings and Inputs on Art Mediation

By Vera Leisibach on
Ein Kunstvermittlungsprojekt an der Kochi Muziris Biennale 2016. Eine Kooperation zwischen CC Kunst, Desgin & Öffentlichkeit und Master Kunst Luzern

Die Delegation des Bereiches Kunst

Es wurden durchaus ernst zu nehmende Bedenken geäussert, als eine Delegation des Bereiches Kunst unter der Ko-Leitung von Lena Eriksson (Dozentin, Master Kunst Luzern) und Rachel Mader (Leitung CC Kunst, Desgin & Öffentlichkeit) mit Studierenden des Master Kunst Luzern, Johanna Gschwend, Reto Lienhard, Elia Malevez, Stefan Tschumi und Nicolas Witschi, die attraktive Aufgabe übernahmen ein Kunstvermittlungsprojekt für die erst das dritte Mal durchgeführte Kochi Muziris Biennale im Süden von Indien zu entwickeln. Ist es richtig, dass wir unsere Ideen von Kunstvermittlung in einem uns kaum bekannten Kontext platzieren? Ist es adäquat Ansätze mitzubringen, die mit Bezug auf ganz spezifische Konstellationen hier vor Ort entwickelt wurden? Treten wir dadurch nicht zu sehr als diejenige Sorte von Wissenden auf, wie sie die postkoloniale Kritik seit Jahren zu demontieren trachtet? So angemessen diese Zweifel waren, so schnell verloren sie ihre Griffigkeit durch die konkreten Begegnungen vor Ort. Die TeilnehmerInnen des zweiwöchigen Workshops ‘Spaces of Encounters’, der schliesslich das Kernstück unserer Aktivitäten in Kochi wurde, hatten nämlich in keinster Weise vor uns die Rolle der überlegenen Kompetenzen zu übertragen. Sehr bald wurde klar, dass wir zwar womöglich unter dem ihnen bis dahin nicht bekannten Begriff der Kunstvermittlung eine Reihe von Aktivitäten entwickelt haben, die sie in den höchst unterschiedlichen Kontexten aus denen sie kommen, durchaus anwenden können, dass sie aber unsere Inputs dazu aber weder kritiklos noch uninformiert zu übernehmen gedachten. Die ausgesprochen intensiven und engagierten Diskussionen, die wir fortwährend führten, gestalteten sich als Austausch einer thematisch zusammengestellten Gruppe, innerhalb der gerade die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen immer wieder aufgegriffen und verhandelt wurden.

Stefan Tschumi, mit «Korrespondenz» im Pepperhouse

Bereits in der Konzeption von ‘Spaces for Encounters’ war es uns, wie der Titel auch andeutet, ein Anliegen Formate zu finden, die von Begegnung und nicht vom linearen Übertragen von Wissen ausgingen. Das Format des Workshops ist ein diesem Vorsatz offensichtlich angepasstes Gefäss. Der Fokus auf kunstvermittlerische Aktivitäten, mit denen nicht primär Wissen über Werk oder KünstlerIn transportiert werden sollte, sondern der individuelle Zugang der BetrachterInnen angeregt und gestärkt werden sollte, eine weitere Entscheidung mit der, wenn auch bloss vermeintlich vorhandende, Wissenshierarchien destabilisiert werden sollten. Zum Einstieg in den zweiwöchigen Workshop schlugen Lena Eriksson und die Gruppe von Masterstudierenden (Johanna Gschwend, Reto Lienhard, Elia Malevez, Stefan Tschumi und Nicolas Witschi), die mit dabei war, die praktische Erfahrung eines bereits bestehenden Kunstvermittlungstools vor. Bei ‘Colin Maillard’, dies der Name des von Joël Henry (LATOUREX) für die Kunsthalle Mulhouse entwickelten Tools, angelehnt an den Erfinder des Kinderspiels ‘Blinde Kuh’, dem dieses Tool konzeptuell eng verwandt ist, führt eine sehende Person eine andere, deren Augen verbunden sind, durch die Ausstellung, erläutert ihr nicht nur eine Auswahl an Kunstwerken, sondern hat offenkundig auch die Aufgabe, die blinde Person unbeschadet über Schwellen und weitere Hindernisse zu führen. Als ‘eye-opening’ beschrieb einer der Teilnehmer diese Erfahrung in der anschliessenden Diskussion, da er dadurch seine gängigen Rezeptionsmuster ablegen musste und sich für ihn ein völlig neuer Zugang zu Kunstbetrachtung öffnete. Nach den praktischen Erfahrungen mit zwei weiteren bereits bestehende Tools (‘Korrespondenzen’ von Lena Eriksson und ‘Chinesischer Korb’ von Heiderose Hildebrand) waren die TeilnehmerInnen aufgefordert in kleinen Gruppen eigene Tools zu entwickeln und mit BesucherInnen der Kochi Muziris Biennale sozusagen als reales Experiment auszuprobieren.

Johanna Gschwend, mit «Collin Maillard» in der Aspnewall dem Hauptschauplatz der Kochibiennale

Die schiere Menge an Vorschlägen aus den einzelnen Gruppen war überwältigend, ebenso der Enthusiasmus mit dem all die Projekte mit den mitunter durchaus skeptischen BesucherInnen durchgeführt wurden. Und nicht minder beeindruckend war die analytische Kompetenz, mit der diese meist auf individuelle Erfahrung angelegten ‘guided tours’ besprochen und anschliessend überarbeitet wurden. Dabei lernte die Luzerner Gruppe viel von den diskursiven Fähigkeiten der anderen Workshop-TeilnehmerInnen, diese durchaus persönlichen Erlebnisse mit Bezug auf gesellschaftliche (Macht-)Konstellationen zu qualifizieren – eine analytische Sensibilität, die in unserem Kulturkreis nicht in gleicher Tiefe gepflegt zu werden scheint.

Diese ausgesprochen intensiven und reichhaltigen zwei Wochen sollen nun aber nicht einfach abgeschlossen sein. Nebst vielen persönlichen Kontakten, die weiter getragen werden, ist es die Absicht die entwickelten Tools über ein Booklet so aufzubereiten, dass sie sämtlichen TeilnehmerInnen des Workshops in Zukunft zur Anwendung in ihren jeweiligen, sehr unterschiedlichen Kontexten zur Verfügung stehen sollen. Gegenwärtig ist dieses Booklet in Ausarbeitung, auf Ende April ist die Fertigstellung geplant. Auch die institutionellen Verknüpfungen, die über das Projekt entstanden sind, sollen weiter gepflegt werden und somit nicht nur weiteren Studierenden Einsichten in die indische Kunstszene ermöglichen, sondern auch Interessierten aus Indien einen Besuch bei uns ermöglichen.

Das Projekt entstand in Partnerschaft mit:
Hochschule Luzern – Design & Kunst
Swissnex India, Bangalore
Kochi Muziris Biennale
Pro Helvetia New Delhi
Foundation for Indian Contemporary Arts