Timothy Studer

By Vera Leisibach on
shifting
Die Arbeit shifting beschäftigt sich mit der Frage, wie sehr die Wirklichkeit des Cyberspace gegenwärtig mit der Realität verschmilzt. In drei installativen Eingriffen holt das Projekt visuelle Fragmente aus dem Cyberspace in den physischen Raum.

Als Vorlage für die Eingriffe dienten Fehler, die auf Google Street View rund um den Centralplatz in Emmenbrücke gefunden und untersucht wurden. Durch die Materialisierung und Verschiebung der digitalen Phänomene in den realen Raum bekommen diese eine neue Bedeutung. Die Installationen verweisen auf die zunehmende Überlagerung von virtuellen und analogen Räumen. Die Arbeit an den Installationen vor Ort war ein Katalysator für Gespräche zwischen Passanten und mir über den Einfluss digitaler Kartografie auf die Gesellschaft.
Gleichzeitig zeigen die Eingriffe den Unterschied zwischen virtuellen und realen Räumen auf. Sie waren während der Ausstellung dreidimensional erfahrbar und waren den physischen Kräften des realen Raums ausgesetzt. Physische Kräfte und räumliche Dimensionen werden erlebbar – etwas, was im virtuellen Raum von Google Street View ganz anders spürbar ist.

Zu den 3 Eingriffen:

> Die Flagge
Die Flagge ist meine materielle Umsetzung eines digitalen Renderfehlers, der aus verschobenen, sehr grafischen Bildelementen von fotografierten Himmelsteilen und schwarzen Artefakten besteht und das virtuelle Firmament (auf Street View) nahe des Centralplatzes ziert. In Form einer Stoffflagge, die ich mit Pinsel und Farbe bemalte, fand dieser Fehler Eingang in den physischen Raum. Während der Vernissage wurde die Flagge über der Gerliswilstrasse gehisst. Sie hing somit praktisch an der gleichen Stelle, an der sie auf Street View gefunden wurde. Der digitale Bildfehler aus dem virtuellen Raum wurde also an den praktisch gleichen Standort in der Realität transferiert und wurde dadurch neu erfahrbar.

> Blurs
Ein Blur ist eine wolkig-neblige digitale Anonymisierung; meistens von Gesichtern oder Kennzeichen, die unkenntlich gemacht werden sollen. Google hat sich dazu verpflichtet, Menschen und weitere sensible Bildinhalte zu anonymisieren. Auf Google Street View findet man solche Blurs an vielen Stellen. Eben auch an Stellen, die gar nicht unkenntlich gemacht werden müssten. So etwa Autoscheinwerfer, Frontscheiben, Raddeckel. Auf einem Parkplatz vor der Freien Tankstelle in Emmen entstanden solche Blurs im realen Raum an einem Auto, das eigens für das Projekt gekauft wurde. Gearbeitet wurde mit Wachs, Harzen und Geweben und einer Schleifmaschine. Verschiedene Stellen des Autos wurden im Verlaufe der Ausstellung zusehends „geblurt“. Und dies an den Stellen, die es eigentlich gar nicht zu bluren gilt. Z.B. blieb das KfZ-Kennzeichen die ganze Zeit sichtbar. Die Arbeit vor Ort während der Ausstellung diente in einer Art permanenten Performance zur Vermittlung des gesamten Projekts und Gesprächen über die Absicht der Arbeit.

> Blinder Fleck
Auf Google Street View gibt es unzählige Orte, die Google gar nicht darstellen kann: Die Stelle, an der sich jeweils das Street View Auto befindet, wenn es die Neunerserie von Fotos schiesst. Dieser Teil des Bodens bleibt den Kameras verwehrt, da das eigene Auto die Sicht auf den Grund versperrt. Google retuschiert das Auto weg, was einen verpixelten und verzerrten Fleck erzeugt. Diesen blinden Fleck von Street View wurde mit malerischen Mitteln auf einen befahrenen Strassenabschnitt übertragen. Mit Acrylfarbe wurde dieser Fleck kurz vor Beginn der Ausstellung neben dem Ökihof auf die Emmenweidstrase gemalt. Die Art und Weise, wie Street View „sieht“ wurde damit zum Thema.

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Timothy Studer, shifting, 2016, Hissen der Flagge an der Vernissage; Foto: Niki Spoerri

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Timothy Studer, shifting, 2016, Foto: Niki Spoerri

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Eine mögliche Materialisierung eines Blurs; Foto: Timothy Studer

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Der blinde Fleck auf Google Street View; Screenshot: Timothy Studer

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Der blinde Fleck auf der Emmenweidstrasse; Foto: Timothy Studer

 

Prozessdokumentation: