Isabelle Marrel

By Vera Leisibach on
Gehen mit Veränderung
«In der engen Strassenlücke, zwischen Baustellen-Absperrungen und einem haltenden Lastwagen, eilt mir eine Frau, mit geschlossenem Regenschirm bewaffnet, entgegen (…)» [Textausschnitt einer gesammelten Beobachtung, Begehung des Seetalplatzes vom 07. Februar 2014, Isabelle Marrel]

Zu Fuss sind wir oft auf gewohnten und bekannten Wegen unterwegs; dort, wo wir zu wissen glauben, was uns erwartet, und wir sicher unser Ziel zu erreichen meinen. Seit dem Start der Bauarbeiten 2013 werden Fussgänger auf dem Gebiet Seetalplatz ständig mit veränderten Gegebenheiten konfrontiert. Übliche Wege und Durchgänge werden versperrt, provisorische Passagen geschaffen, Plätze umgenutzt, Umleitungen signalisiert … Das Gehen in diesen Übergangszonen verlangt von uns eine andere Wahrnehmung des Raums als üblich und ein frisches Bewusstsein für die stetig ändernden Zeichen, die uns umgeben. Beeinflusst von allerhand Reizen treffen wir Entscheidungen, ohne zu wissen, welche konkreten Situationen uns – der Richtung folgend – heute erwarten werden. Die labyrinthhaften Züge der Grossbaustelle lassen uns neue Wege und Räume entdecken oder münden gar in Desorientierung.

Zäune, Wände und Gitter, welche Durchgänge versperren, Schilder mit der Absicht, Verkehrs- «Wo ist denn jetzt Schachenweg?», Begehung vom 19. März 2014 20 teilnehmer zu leiten, Bodenmarkierungen als Hinweise auf bevorstehende Veränderungen … All die Zeichen, welche den Gehenden unterwegs begegnen, stehen in einem Spannungsfeld zwischen Information und Irritation. Hinzu kommen die weiteren Akteure am Seetalplatz, welche unser Gehen als Handlung prägen: Automobilverkehr strömt von allen Seiten auf den Platz zu und wieder fort. Baustellenfahrzeuge und Arbeiter treiben die Veränderungen voran. Busse bedienen nicht mehr alle Haltestellen. Velofahrer und Fussgänger begeben sich mehr oder weniger bestimmt – und mehr oder weniger orientiert – in verschiedene Richtungen. Im Zeitraum Dezember 2013 bis Mai 2014 machte ich zahlreiche Be- bzw. Umgehungen des Seetalplatzes und sammelte Beobachtungen. Gespräche mit anderen Fussgängern, Fachleuten der Baukoordination und Verkehrsführung ergänzen die Sammlung an Erfahrungen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen richten sich im Ausstellungsprojekt an aktuelle Fussgänger und Passanten und werden an diese zurückgespielt. Das Temporäre im Sinne von erstellten Provisorien, aber auch hinsichtlich des Aktes des Gehens und Vorüber-Gehens, stellt einen zentralen Aspekt der Auseinandersetzung dar. «Ich glaube, ich würde nicht so sehr schätzen, was ich sehe, wenn ich nicht wüsste, dass das Gesehene bald nicht mehr sein wird.» [Zitat aus dem Arbeitsprozess, im Gespräch mit Maria Lichtsteiner, Littau, 04. März 2014]

Isabelle Marrel – Gehen mit Veränderung – “Wo ist denn jetzt Schachenweg?”, Begehung vom 19. März, Emmenbrücke, Luzern, 2014

Isabelle Marrel – Gehen mit Veränderung – Dammweg Anhäufung, Begehung vom 29. Januar, Emmenbrücke, Luzern, 2014