Handlungsmacht: Begriffe für die Kunstvermittlung, ein Glossar

By Vera Leisibach on
von Bernadett Settele, 2012

Der Begriff Handlungsmacht oder auch Handlungsfähigkeit (engl.: agency) wurde durch Diskussionen in der Soziologie und Philosophie konturiert, die ihn je nach Perspektive auf unterschiedliche Art für die Kunstvermittlung relevant werden lassen. Zum einen kann H., insofern sie auf strategisch-produktive Machtbegriffe rekurriert, als Grundlegung für das Denken von Interaktion in Organisationen, Gruppen und Institutionen dienen, die mit Fokus auf die Handlungsspielräume der Akteur/-innen gedacht wird.

Zum anderen stellt Handlungsmacht einen Marker oder ein Maß dafür dar, inwiefern und wem es möglich ist, sich überhaupt in einer Situation oder an einer Gemeinschaft zu beteiligen. Insofern findet der Begriff Anwendung als analytische Kategorie in der philosophisch geprägten Diskussion um die Bedingungen von Gerechtigkeit (vgl. Bellenbaum/Buchmann 2007).

Einigen für eine Kritik der Kunstvermittlung relevanten Aspekten möchte ich weiter nachgehen. Der Handlungsmacht einen produktiven Machtbegriff zugrunde zu legen, ermöglicht es, das Handeln in Vermittlungssituationen als eine andauernde Aushandlung der Verhältnisse durch die Beteiligten untereinander zu betrachten. Gerade im Feld der Gegenwartskunst mit ihren mehr oder weniger hierarchisch organisierten Sprechpositionen ist es geboten, geschickt mit dem Verhältnis von Macht und Wissen umzugehen, um Sprech- und Handlungsmacht für die Kunstvermittlung und für die an ihr beteiligten ‘Dritten’ zu erlangen. Hier berührt der Begriff auch die Frage nach der #Partizipation.

Ausgangspunkt handlungstheoretischer Modelle sind häufig die Akteur/-innen selbst, die durch ihr Handeln systemische und institutionelle Kontexte performativ mitschaffen und verändern. Die Beharrungsmacht der Institutionen oder Felder, in denen gehandelt wird, oder die Sets von Praktiken, Normen und Regeln, durch die sie sich konstituieren, können damit nicht als absolute oder Handlung vollständig determinierende Struktur angesehen werden: Denn sie sind selbst performativ hergestellt. Eine solche Perspektive auf das Tun von Akteur_innen und Akteuren legt die Frage nahe, welche Veränderungen das Arbeiten in und an Institutionen leisten kann. Und wie sich Kunstvermittlung darin also ihre Bedingungen selbst schafft (Settele/Kudorfer/Landkammer/microsillons 2012).

Für Akteur/-innen der Kunstvermittlung in Museen oder für Künstler_innen in partizipatorisch angelegten Projekten bedeutet es, Handlungsmacht gegenüber Institutionen, Ämtern oder dem Alltag zu spüren, häufig ein Glücksgefühl (#Hedonismus). Abgesehen davon, dass dies auf die Verankerung des Feldes in einer Tradition institutionskritischer Kunst hinweist, verweist es auch darauf, dass Vermittlung oder künstlerische Bildung gegenüber anderen Parteien häufig marginalisierte Positionen einnehmen.

Die Problematik ist die eines immer noch prekären Arbeitsfeldes zwischen Notwendigkeit (Selbstbehauptung) und Kür (Dekonstruktion), zwischen dem Erzeugen oder Sich-Erarbeiten und der Weitergabe von Handlungsmacht: Um Vermittlung handlungsfähig zu machen, mag es manchmal nötig sei, ihre Autor/-innenrolle zu stärken; Handlungsmacht herzustellen heißt auf der anderen Seite aber auch, Wissen abzugeben und Spielräume zu schaffen, in denen durch andere etwas gesehen, gesagt, gewusst, erkannt oder sogar verändert werden kann. Grundlegend die Bedingungen dafür herzustellen, dass jemand anderes ‘sprechen’ kann und dass sie/er ‘gehört wird’, heißt, eine Art von Anerkennung im philosophischen Sinne zu leisten. Und dazu eigene Privilegien wie Nähe zur Kunst, privilegiertes Wissen der Kunst-Insiderin oder des Fach-Insiders zu ‘verlernen’: Eine Reflexion der eigenen Positionalität als Kunstvermittler/-in und dessen, was diese für die Handlungsmacht der anderen bedeutet, zu entwickeln und die eigene Involvierung in die Schaffung autoritativer (Sprech-, Macht-, Wissens-)Effekte anzuschauen, ist mithin ein wichtiger Teil partizipatorischer Prozesse (#Partizipation).

Zuletzt: Erscheint die Schaffung von Sprech- und Handlungsmacht auch erstrebenswert, so lassen die vielfältigen und oftmals paradoxalen Machtbeziehungen in den Handlungsfeldern der Vermittlung doch eine rein affirmative Verwendung des Begriffs Handlungsmacht – ähnlich wie den der Partizipation – heute fraglich erscheinen. Die Position, aus der Kunstvermittlung als institutionell gerahmte Praxis Kritik äußern kann, ist daher widersprüchlich:

Wir mögen institutionskritisch sein, (aber) wir sind (auch) die Institution.

 

Literatur:

Rainer Bellenbaum; Sabeth Buchmann: „Partizipation“, mit Rancière betrachtet, in: 31, Nr. 10/11: Paradoxien der Partizipation, 2007, S. 29–34.

Michel Foucault: Das Subjekt und die Macht, in: ders.: Dits et Ecrits 4, Frankfurt/Main 2005, S. 269–294.

Gerald Raunig: Instituent Practices: Fleeing, Instituting, Transforming, in: G. Raunig; G. Ray (Hg.): Art and Contemporary Critical Practice, London 2010, S. 3–12.

Irit Rogoff: Vom Kritizismus über die Kritik zur Kritikalität, in: transversal, Nr. 8, 2006. Online verfügbar unter: http://eipcp.net/transversal/0806 [20.3.2012].

Bernadett Settele: Performing the Vermittler_in, in: Art Education Research, Nr. 2, 2010. Online verfügbar unter: http://iae-journal.zhdk.ch/no-2/ [20.3.2012].

Bernadett Settele; Susanne Kudorfer; Nora Landkammer; microsillons: Arbeiten in und an Institutionen, in: Dies.; Carmen Mörsch u.a. (Hg.): Kunstvermittlung in Transformation, Zürich 2012, S. 9–14.

 

Erschienen in: Christine Heil, Gila Kolb, Torsten Meyer (Hg.): Shift. #Globalisierung #Medienkulturen #Aktuelle Kunst, Reihe Kunst Pädagogik Partizipation, 2012, München: kopaed

Bernadett Settele ist wissenschaftliche Assistentin im Master Fine Arts (Major Art in Public Spheres und Major Art Teaching) sowie im CC Kunst & Öffentlichkeit an der Hochschule Luzern – Design & Kunst.