Ambivalenz

By Vera Leisibach on

Genealogie eines ästhetischen Phänomens vom 19. bis ins 21. Jahrhundert. Ambivalenz hat sich in den letzten Jahrzehnten als dominierendes Denkmuster in Kunst, Kultur – und Gesellschaftstheorie durchgesetzt. Dabei wurde es nicht nur zur normativen Vorgabe, sondern zum Qualitätsurteil über jegliche kulturelle Produktion erhoben: Während etwa im kritischen und theoretischen Diskurs über Kunst Werke mit einer klaren und eindeutigen Botschaft als trivial oder zu pädagogisch kritisiert werden, wird denjenigen Arbeiten, deren Sinn und Bedeutung sich zumindest vorerst kaum entschlüsseln lässt, eine gehaltvolle und produktive Potenz zugestanden. Die Erscheinungsformen haben sich entsprechend der Ausbreitung des Phänomens vervielfältigt; parallel dazu wurde eine grosse Anzahl ähnlicher, aber nicht zwingend deckungsgleicher Begrifflichkeiten hervorgebracht. Zum einstigen Verständnis von Ambivalenz als Doppel- oder Vieldeutigkeit haben sich Begriffe wie Unentschiedenheit, Bedeutungsoffenheit, Rätselhaftigkeit, Vagheit oder auch das Paradoxon und, im Rahmen jüngerer Theorien, die Hybridität gesellt. Alle diese Bezeichnungen verweisen auf die Verweigerung eines genau dechiffrierbaren Sinnes hinter dem künstlerischen Werk bzw. dem kulturellen Produkt.

Das Forschungsprojekt nimmt sich diesen bis anhin wenig reflektieren Komplex vor und zielt auf eine Ordnung, Systematisierung und Klassifizierung der Gemengelage mit Rücksicht die Interaktion von Kunst und Kultur- und Gesellschaftstheorie im 20. und 21. Jahrhundert. Denn das Phänomen der Ambivalenz hat sich nicht nur in der künstlerischen Produktion, sondern in ähnlichem Masse auch in der Kultur- und Gesellschaftstheorie niedergeschlagen. Diese weitgehend ungeklärte Wechselwirkung zwischen künstlerischer Praxis und theoretischer Reflexion ist in der Kunstwissenschaft mittlerweile als zentrales Moment erkannt, bis anhin aber lediglich punktuell analysiert. Ambivalenz ist zur Klärung dieses Verhältnisses von exemplarischer Bedeutung.

Forschungslage – State of the Art

Ganz im Gegensatz zu den Literaturwissenschaften und der Linguistik, wo das Phänomen – meist unter der Bezeichnung Ambiguität – bereits seit einigen Jahren rege diskutiert wird, existiert weder in der Kunstgeschichte noch in den Kulturwissenschaften eine ähnlich umfangreiche auf diese Thematik spezialisierte Literatur. Als kunstwissenschaftliches Grundlagenwerk muss in seiner systematischen Aufarbeitung des Phänomens Dario Gambonis Monographie Potential Images. Ambiguity and Indeterminacy in Modern Art (2002) bezeichnet werden. Sie konzentriert sich auf die Latenz und Offenheit von Bedeutung innerhalb von Bildern und benennt die Wende zum 20. Jahrhundert als den Moment, in dem das ästhetische Phänomen erstmalig vermehrt auftritt. Die geplante Forschung baut auf diesen Vorarbeiten auf, erweitert aber deren Spektrum sowohl zeitlich wie systematisch: Sie interessiert sich nicht nur für die Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung ambivalenter Phänomene bis in die aktuelle Zeit. Auch erfasst sie Ambivalenz nicht nur als Phänomen innerhalb der visuellen Darstellung. Vielmehr sieht sie darin ein Element der Interaktion zwischen künstlerischer Produktion, ihrer Rezeption und der gesellschaftlichen Verortung der beiden Ebenen.
In dem von Prof. Verena Krieger und Rachel Mader organisierten Symposium ‘Ambiguität in der Kunst. Typen und Funktionen eines anhaltend aktuellen Topos’ (5.-7. März 2009, Akademie der angewandten Kunst, Wien) ging es denn auch um eine erste breit angelegte Sichtung des Problems. Der unterdessen publizierte Tagungsband umfasst Beiträge mit Fallbeispielen aus der bildenden Kunst mehrerer Jahrhunderte. Das Forschungsprojekt fokussiert dagegen den Zeitraum vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, dies vor dem Hintergrund der zunehmenden Aktualität der Thematik und in der Absicht, durch eine zeitliche Begrenzung eine komplexe Beschreibung der Produktions- und Rezeptionsstrategien, des kritischen Diskurses und der Funktionen von Ambivalenz in der Kunst zu leisten. Die im Dezember 2011 an der ZHdK durchgeführte Tagung rückte den Aspekt der politischen Ambivalenz in der künstlerischen Praxis in den Mittelpunkt, ein gerade für die Gegenwartskunst höchst aktueller Problemkreis.

Eine Publikation ist in Vorbereitung.

Rachel Mader